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10. January 2022
Es sind vor allem die Wucht und die lange Dauer der Krise, die dem Tourismus zusetzen. Entwicklungen analysieren, sich innerhalb der Branche austauschen und flexibel bleiben – viel mehr kann nicht getan werden. Tourismusdirektor Marcel Perren und Peter Weber, Beauftragter für Wirtschaftsfragen, sind trotzdem zuversichtlich, dass 2022 die Übernachtungszahlen in der Stadt Luzern wieder leicht ansteigen.

Haben Sie für 2022 bereits Ferien im Ausland geplant?

Peter Weber: Ja, ich möchte gerne wieder einmal nach Deutschland reisen. Ob dies überhaupt möglich ist, wird sich weisen.

Marcel Perren: Ich habe in meinem Kalender zweieinhalb Wochen im Sommer blockiert. Nachdem wir unsere Ferien letztes Jahr im Wallis verbracht haben und ich beruflich viel weniger unterwegs war, würden wir es sehr schätzen, wieder einmal ins Ausland reisen zu können. Wohin es geht, haben wir aber noch nicht entschieden.

Marcel Perren
Marcel Perren: «Silberstreifen am Horizont sind die Anzeichen, dass sich der amerikanische Markt schnell erholen könnte.»

Welche Auswirkungen hat die Pandemie generell auf den Tourismus?

Marcel Perren: Da gibt es grosse Unterschiede zwischen den städtischen und den ländlichen Regionen. Destinationen wie Luzern sind von der Pandemie viel stärker betroffen als Bergregionen, die das Ausbleiben der ausländischen Gäste zumindest teilweise mit einheimischen Gästen kompensieren konnten. In der Stadt Luzern sind die Logiernächte 2020 gegenüber 2019 um 65 Prozent eingebrochen. 2021 werden es immer noch rund 50 Prozent sein. Hauptgrund ist das Ausbleiben der Gäste aus den Fernmärkten, die 57 Prozent der Logiernächte ausmachen. Auch der Geschäftstourismus ist stark eingebrochen. Da 2021 wieder kulturelle Anlässe stattfanden, hat sich die Situation im Freizeittourismus zum Glück etwas verbessert.

Peter Weber: Nicht nur bei den Regionen, sondern auch innerhalb der Tourismusbranche gibt es grosse Unterschiede. Hotels, aber auch Betriebe im Detailhandel, die stark auf den internationalen Tourismus setzen, haben besonders lange Durststrecken hinter sich. Hotels, die sich auf Individualreisende und Schweizer Gäste konzentrieren, und Geschäfte, die auf einheimische Konsumentinnen und Konsumenten setzen, haben es weniger schwierig.

Marcel Perren: Die Pandemie ist für den Tourismus die grösste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. In der Uhren- und Schmuckbranche zum Beispiel ist der Umsatz teils um bis zu 80 Prozent zurückgegangen. Aber auch viele Zulieferfirmen wie Handwerkbetriebe oder Bäckereien spüren die Krise im Tourismus. Und sie wird uns noch lange beschäftigen. Der Fachkräftemangel und die Tatsache, dass viel weniger investiert wird, gehen an die Substanz.

Peter Weber: Mich erschreckt vor allem die unglaubliche Wucht der Krise, die alles auf den Kopf gestellt hat, und die lange Dauer. Da braucht es sehr grossen Durchhaltewillen.

Peter Weber
Peter Weber: «Ich bin überzeugt, dass die Diskussion über die Zukunft des Tourismus auch einen Beitrag leisten kann, die Krise zu bewältigen.»

Was kann gegen die Krise unternommen werden?

Marcel Perren: Als die Direktflüge aus den Ferndestinationen ausgeblieben sind, haben wir das Marketing auf einheimische und europäische Gäste ausgerichtet. Machen kann man aber gegen die Pandemie grundsätzlich wenig. Wichtig ist, dass das Kooperationsfundament und die Substanz stimmen. Dank der finanziell soliden Basis der Luzern Tourismus AG und der Leistungserbringer, dank der guten Zusammenarbeit aller Beteiligten und dank des gegenseitigen Vertrauens ist es möglich, flexibel zu bleiben. Wenn die Planungsunsicherheit so gross ist, sind eine gute Kommunikation und der gegenseitige Austausch zentral.

Peter Weber: Sehr wichtig waren auch die Massnahmen des Bundes und des Kantons, wie zum Beispiel die Kurzarbeit. Die Stadt hingegen kann nur punktuell unterstützen. Sie hat zum Beispiel die Erweiterung der Boulevardflächen ermöglicht oder gemeinsam mit der Luzern Tourismus AG eine Seminarreihe durchgeführt. An dieser konnten sich Exponentinnen und Exponenten aus der Tourismusbranche gemeinsam und mit Referierenden austauschen und über Themen wie Digitalisierung, Kundenansprache, Innovation und Markenführung diskutieren.

Seit Januar 2019 ist Peter Weber Beauftragter für Wirtschaftsfragen der Stadt Luzern. In dieser Funktion ermöglicht er Gespräche und Kontakte zwischen der Wirtschaft und den Behörden. Damit sorgt er dafür, dass die Bedürfnisse der Wirtschaft in die Standortpolitik und Standortentwicklung einfliessen. Peter Weber ist auch Projektleiter für die Erarbeitung der Vision Tourismus Luzern 2030.

Wie sind die Prognosen für 2022?

Marcel Perren: Ich bin zuversichtlich, dass die Übernachtungszahlen wieder leicht ansteigen werden. Ein Silberstreifen am Horizont sind die Anzeichen, dass sich der amerikanische Markt schnell erholen könnte. Die Gäste aus Asien werden aber wohl noch länger ausbleiben. Wir werden das Niveau von 2019 wohl erst 2024 oder 2025 erreichen. Trotzdem bin ich zuversichtlich: Luzern ist eine international bekannte Tourismusmarke. Die Ferienregion hat einen guten Namen. Zudem ist die Tourismusbranche sehr gut aufgestellt. Wir haben uns auch in der Krise in jenen Punkten weiterentwickelt, die wir beeinflussen können, wie zum Beispiel bei der Digitalisierung.

Peter Weber: Für einen erfolgreichen Tourismus braucht es eine gewisse Planungssicherheit. Das Wichtigste ist deshalb, dass das Ende der Krise wenigstens absehbar ist. Dann wird sich der Tourismus hoffentlich wieder relativ schnell erholen. Denn neben der langen Tradition und der professionellen Arbeit ist da ja auch noch die einzigartige Lage der Tourismusregion Luzern – die Stadt, der See, die Berge. Diese Qualitäten sorgen dafür, dass Gäste immer gerne nach Luzern kommen.

Marcel Perren ist seit 2007 Tourismusdirektor in Luzern. Er leitet ein Team von rund 60 Mitarbeitenden. Der gebürtige Walliser war zuvor während zehn Jahren als Marketing- und Verkaufsleiter bei Wallis Tourismus tätig. Als Direktor der Luzern Tourismus AG engagiert sich Marcel Perren speziell für die Vermarktung der Erlebnisregion Luzern-Vierwaldstättersee und arbeitet dazu eng mit den fünf Kantonen in der Zentralschweiz zusammen.

Was für Lehren ziehen Sie aus der Pandemie?

Marcel Perren: Eine solche Krise geht an die finanzielle und mentale Substanz. Wenn plötzlich mit den USA, Europa und Asien drei Viertel des Marktes wegbrechen, ist das wie ein Erdbeben. Dessen Bewältigung ist äusserst anspruchsvoll. Es hat sich aber auch gezeigt, dass sich die Partnerinnen und Partner in einer Krise gegenseitig unterstützen. Das ist eine grosse Chance. Wichtig ist, dass wir die Entwicklungen laufend analysieren. Schon vor der Krise hat sich der Trend zu kleineren Gruppen abgezeichnet. Zudem hat das nachhaltige Reisen an Bedeutung gewonnen. Vermehrt wird individuell und bewusster gereist. In diesen Bereichen besteht die Möglichkeit, neue Angebote zu schaffen.

Peter Weber: Wichtig ist, dass die Diskussion, welchen Tourismus wir in Zukunft wollen, auch ausserhalb der Tourismusbranche geführt wird. Mit der Vision Tourismus Luzern 2030 hat der Stadtrat eine Basis dafür geschaffen. Und ich bin überzeugt, dass die Diskussion über die Zukunft des Tourismus auch einen Beitrag leisten kann, die Krise zu bewältigen.

Interview: Urs Dossenbach, Projektleiter Kommunikation

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