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12. Juni 2024
In vielen Haushalten der Schweiz gehört Gewalt noch immer zur alltäglichen Realität und ist Teil der Erziehungskultur. An einer von der Stadt Luzern organisierten Fachtagung vom 12. Juni 2024 diskutierten Fachpersonen, warum es zu Gewaltanwendungen in der Erziehung kommt und welche Folgen dies aus psychologischer und psychosozialer Perspektive hat. Einig waren sich die Fachpersonen insbesondere in einem Punkt: Die Verankerung des Rechts auf eine gewaltfreie Erziehung im Schweizer Zivilgesetzbuch ist längst fällig.

Die Zahlen aus einer aktuellen Studie der Universität Freiburg, durchgeführt im Auftrag von Kinderschutz Schweiz, lassen aufhorchen: 38 Prozent der befragten Eltern gaben an, ihr Kind schon einmal geschlagen zu haben. 6 Prozent wenden regelmässig Gewalt an. Die Fachtagung zeigte zudem auf: Noch weiter verbreitet als die körperliche, ist die psychische Gewalt gegen Kinder. Im Jahr 2020 gaben gemäss der Studie von der Universität Freiburg 23 Prozent der befragten Eltern an, dass sie regelmässig Verhaltensweisen zeigen, die als psychische Gewalt gegenüber ihren Kindern eingeordnet werden. Ein Viertel der Eltern hat bereits einmal mit Schlägen gedroht. Diese Zahlen seien ernst zu nehmen, so Heidi Simoni, Psychotherapeutin und Referentin an der Fachtagung: «Wenn Gewalt gegenüber Kindern gesellschaftlich geduldet und bagatellisiert wird, heizt das Gewaltspiralen an: Für Betroffene ist es schwierig, Gewalt als solche zu erkennen und sich zu wehren.»

Gewalt als Reaktion in Stresssituationen

Die Podiumsteilnehmenden waren sich einig, dass Gewalt in Familien in erster Linie nicht absichtlich oder bewusst als Teil der Erziehung eingesetzt wird. Vielmehr neigen Eltern in stressigen und schwierigen Erziehungssituationen dazu, Gewalt anzuwenden, obwohl sie dies nicht beabsichtigen. In einer Studie der Universität Freiburg aus dem Jahr 2017 gab fast die Hälfte der befragten Eltern an, ihre jüngste körperliche Gewaltanwendung sei in einer Situation passiert, die ungewollt ausser Kontrolle geraten war. Viele Eltern empfinden danach Reue und fühlen sich schlecht. Einige merkten an, dass sie sich in diesen Momenten müde, gereizt oder überfordert gefühlt haben. Christina Reusser, Bereichsleiterin Kinder- und Jugendhilfe, betonte: «Diesen Sachverhalt gilt es ernst zu nehmen und den Eltern entsprechende Alternativen in der Erziehung aufzuzeigen.»

Konfliktbewältigung ohne Gewalt

Mögliche Alternativen stellte die Mütter- und Väterberaterin der Stadt Luzern, Cordula Haselbacher, an der Fachtagung vor. Besonders wertvoll ist die Schaffung von Rückzugsorten. Sie erlauben den Erziehungsberechtigten einen Schritt zurück zu machen und aus der Situation herauszutreten. Eine kleine Form von Auszeit. Ebenso wichtig sei es frühzeitig über den eigenen Ärger zu reden und Probleme anzusprechen. Solche Methoden können Kurzschlussreaktionen und Eskalationen vermeiden.

Gewalt an Kindern ist keine Privatsache

Dass Gewalt gegen Kindern in der Schweiz immer noch bagatellisiert wird, zeigen folgende Zahlen: Im Jahr 2017 erkannten rund 25 Prozent der befragten Mütter und über 40 Prozent der Väter einen kräftigen Schlag auf das Gesäss eines vierjährigen Kindes nicht als Gewalthandlung. Stephan Schnurr, emeritierter Professor an der Fachhochschule Nordwestschweiz für Soziale Arbeit, hat deshalb hervorgehoben: «Kinder haben ein Recht auf Erziehung und Bildung ohne Gewalt. Eltern haben ein Recht auf Unterstützung in Sorge- und Erziehungsaufgaben.» In der Schweizer Gesetzgebung ist das Recht des Kindes auf eine gewaltfreie Erziehung bis heute nur ungenügend umgesetzt. Seit mehreren Jahren unterstützt Kinderschutz Schweiz sämtliche politischen Vorstösse, welche die Einführung des Rechts auf gewaltfreie Erziehung fordern. Yvonne Feri, Präsidentin des Stiftungsrats Kinderschutz Schweiz, unterstrich an der Podiumsdiskussion die Wichtigkeit eines solchen Eintrags im Zivilgesetzbuch: «Diese Verankerung würde ein Signal senden und dazu beitragen, dass Kinder künftig keine Gewalt mehr im Elternhaus über sich ergehen lassen müssen.»

Die Stadt Luzern bietet Unterstützung

Die Abteilung Kinder Jugend Familie der Stadt Luzern ist das Fachzentrum für Kinder-, Jugend- und Familienfragen. Sie bietet Kindern, Jugendlichen und Familien ein umfangreiches, unentgeltliches Unterstützungsangebot zur Alltagsbewältigung an. Sie leistet individuelle Hilfe in Krisen oder Notlagen. Wo angezeigt, findet eine Vermittlung an weitere geeignete Fachstellen wie etwa die Kinder- und Jugendpsychiatrie statt. Weitere Infos finden Sie unter www.stadtluzern.ch/kjf

Quellen:
Studie Bestrafungsverhalten Eltern 2020 | Kinderschutz Schweiz
Studie Bestrafungsverhalten Eltern 2017 | Kinderschutz Schweiz

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Fachtagung Medienmitteilung 12.06.2024 Download 0 Fachtagung Medienmitteilung 12.06.2024
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