Hat die Luzerner Bevölkerung während Wagners Zeit in Tribschen seinen Antisemitismus wahrgenommen? Und wie ging die Stadt Luzern damit um? Der Basler Historiker Patrik Süess untersuchte diese Fragen im Auftrag der Schweizerischen Gesellschaftfür Geschichte (SGG). Anlass der Studie war ein Postulat, das eine kritische Aufarbeitung der Person Wagner forderte. Der Forschungsbericht konzentriert sich auf zwei Phasen: Wagners Aufenthalt in Tribschen (1866 –1872), als er sein judenfeindliches Pamphlet «Das Judenthum in der Musik» überarbeitete und veröffentlichte, sowie die Gründungsphase des Museums (1931–1956).
Tabuthema Antisemitismus
Der Bericht zeigt, dass die Luzerner Presse zu Lebzeiten des Komponisten nicht auf Wagners judenfeindliche Schrift reagierte. Dies überrascht nicht, denn der Kanton Luzern war damals konservativ geprägt: Bei der Volksabstimmung 1866 sprachen sich nur 19,4 Prozent für die freie Niederlassung und Gleichstellung jüdischer Menschen aus. «Die Abwehr von Juden hatte Tradition und war offizielle Luzerner Politik bis über die Mitte des 19. Jahrhunderts hinaus», heisst es im Bericht. Wagners Antisemitismus wurde in bürgerlichen Kreisen weitgehend verschwiegen – ein Phänomen, das sich auch in der Schweiz zeigte.
Wenig Kontakt mit Luzern
Wagner selbst lebte zurückgezogen auf Tribschen, pflegte kaum Kontakte zur Luzerner Bevölkerung. Sein Umfeld bestand aus Kontakten nach Frankreich und Deutschland. Auch bei der Museumsgründung wurde Wagners Antisemitismus nicht thematisiert. Das Museum wurde als kulturelle und touristische Bereicherung wahrgenommen, obwohl ein grosser Teil der Exponate aus Leihgaben der Familie Wagner aus Bayreuth stammte, das damals als «Nazi-Hochburg» galt. Unterstützt wurde das Projekt von den «Schweizer Freunden Bayreuths», die laut Bericht gegenüber faschistisch-nationalsozialistischen Kreisen offen waren. Dennoch kommt Süess zum Schluss, dass das Museum keine Plattform für antisemitische Propaganda war, sondern vor allem Wagners Erbe präsentiert.
Die Stadt Luzern distanziert sich heute klar von Wagners judenfeindlicher Haltung. Museumsleiterin Monika Sigrist betont: «Wagners Antisemitismus wird im Landhaus Tribschen thematisiert. Wir schaffen Raum für eine kritische Auseinandersetzung und Diskussion.» Am 18. Oktober 2026 gibt Patrik Süess im Rahmen des Tags der offenen Tür Einblicke in die Forschungsarbeit.