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18. Dezember 2023
Das Kinderparlament Luzern feiert den 30. Geburtstag. Allerdings verjüngt und aktualisiert es sich beständig. 8- bis 14-Jährige vergeben den «Goldenen Lollipop» in diesem Jahr der Stiftung Rodtegg, die «Saure Zitrone» dem Hallenbad Luzern.

Von Edith Arnold

Es blitzt im Verkehrshaus. 80 junge Menschen flitzen heute in den ersten Stock über der neuen «Experience Energy!»-Halle. Durch grosse Fenster ist eine imposante Erdkugel zu sehen, die sich mit Solarenergie dreht. Daneben erscheint ein Hologramm von Energiepionier Bertrand Piccard. Der Ort ist kein Zufall: Das Verkehrshaus ist vom Kinderparlament mit dem «Goldenen Lollipop» für besondere Kinderfreundlichkeit, wegen interaktiver Lernmöglichkeiten und grosser Spielflächen ausgezeichnet worden – ein würdiger Gastgeber der Jubiläumssession. Die Kinderparlamentarierinnen und –parlamentarier bündeln ihre Energie auf Stühlen im Vortragssaal. Punkt 14 Uhr beginnt die 98. Session in 30 Jahren. Am Moderationstisch sitzt das Co-Präsidium. Lorena (12) von der Kantonsschule Reussbühl und Tom (11) von der Primarschule Moosmatt reden Klartext: «Wir sind viele Kinder. Damit wir gut diskutieren und gemeinsam arbeiten können, gibt es Regeln. 1. Nur wer Coco, unser Maskottchen, in den Händen hat, darf sprechen (siehe Bild oben rechts). 2. Alle gehen respektvoll miteinander um. Blöde Bemerkungen, wenn jemand etwas sagt oder fragt, sind verboten. 3. Handys bleiben bis zum Schluss versorgt.» Das zweistündige Programm: Nach den Traktanden und Abstimmungen gibt’s eine Pause und dann einen Film.

Schweizer Pionierprojekt

Im November 1993 wird das Parlament vom Kinderbeauftragten Walti Mathis einberufen. Die Motivation zum nationalen Pionierprojekt: Kinder sind wichtig. Sie müssen gehört werden. Deshalb verfügen sie im Grossstadtrat über eine Stimme und können Postulate einreichen. Pro Jahr stehen vier Sessionen an. Daran nehmen bis zu sechs Göttis und Gottis aller Parteien teil. Durchs Jahr begleitet eine soziokulturelle Animatorin: Samia Baghdadi macht Vorschläge und schärft Themen. Das letzte Wort haben die 8- bis 14-Jährigen. Sie formieren sich in Kommissionen und Teams. An Mittwochnachmittagen spüren Stadtdetektivinnen und Reporter des «KiZ»-Magazins in der Stadt nach, was Gleichaltrige beschäftigt. Das Bauteam hat schon den einen und anderen Spielplatz finanziell unterstützt. Das Finanzteam verwaltet ein Jahresbudget von 20’000 Franken.

Und die Nominierten sind …

Während der Pandemie hätten sie überschüssiges Geld dem Roten Kreuz gespendet, sagt Lorena. Neben der Co-Präsidiumsrolle entscheidet sie im Finanzteam mit – wie ihr Pendant, Tom. 500 Franken gehen jeweils an den «Lollipop»-Preisträger. Zwei Monate vor der Auszeichnung werden Ideen gesammelt. In die Vorselektion 2023 schaffen es die beschützende Stadtpolizei, das tierliebende Natur-Museum, der zuweilen beglückende FCL mit Mario Frick. Die Endrunde bestreiten nun das Gameorama, die Stiftung Rodtegg, der Ferienpass.

Das Co-Präsidium fordert auf, während zehn Minuten das Pro und Kontra zu debattieren. Die Kinder ziehen an drei Orte, wo die Göttis Patrick Zibung (SVP) und Jona Studhalter (Junge Grüne) Argumente notieren. Beim Gameorama kommen die Pros wie aus der Pistole geschossen: Sogar Warteschlangen sind spannend, weil es dabei kleine Spiele hat. Neben interaktiven Games gibt es analoge Brettspiele. Für höher angelegte Konsolen stehen Schemel bereit usw. Kontra: hoher Eintrittspreis! Zu oft ausgebucht! Obergrenze bei der Besucherzahl zu tief.

Die Debatte im Kinderparlament

Leidenschaftlich wird auch die Stiftung Rodtegg, wo Kinder mit Beeinträchtigung zur Schule gehen und unter der Woche übernachten, diskutiert. Pro: Die Kinder können sonst keinen Unterricht besuchen. Bildung ist ein Menschenrecht. Die Schule entlastet die Eltern. Kontra: Kinder sind von Kindern ohne Beeinträchtigung getrennt. Dabei könnten Letztere durch einen Sportunfall ebenfalls beeinträchtigt werden. Zu viel Betreuung macht unselbstständig usw. Der Ferienpass im Sommer bereitet Spass und soll im Frühling und Herbst verlängert werden. Im Plenum kommt es zu einer zweiten Abstimmung zwischen Stiftung Rodtegg und Gameorama. Man spürt im Raum, dass die sozialen Wesen gern spielen. Die Empathie siegt: Der «Goldene Lollipop» geht an die Stiftung Rodtegg.

Der Saure-Zitrone-Pranger

Mindestens so interessant ist die «Saure Zitrone». Diese ging 2022 an den FCL- Mehrheitsaktionär Bernhard Alpstaeg, weil er seine Macht ohne Rücksicht ausnütze. Oder 2018 an Stadtrat Adrian Borgula. Er kam wegen unsicherer Tempo-30-Zonen und verschwindender Fussgängerstreifen an den Pranger.

Und jetzt, 2023? Zum zweiten Mal das angelieferte Essen an den Mittagstischen der Schulen oder erstmals die Bedingungen im Hallenbad Luzern kritisieren? Das Springbeckenwasser ist zu kalt. Zudem müssen Eltern ihre Kinder bis zum Beckenrand begleiten und dafür Eintritt zahlen. Sie könnten danach ebenfalls schwimmen. Doch aufgezwungene Fitness gefällt nicht allen. In der zweiten Abstimmungsrunde gewinnt das Hallenbad mit 36 vor 30 Stimmen bei 14 Enthaltungen. Es ist über die mögliche Auszeichnung vorgewarnt worden. Man nehme das Resultat sportlich, hat man wissen lassen.

Vergünstigung über Umwege

Das sind gute Voraussetzungen für Lösungsfindungen. Eltern, die erst ab 15 Aufenthaltsminuten bezahlen müssen? Schneller Dialog oder langsameres Postulat: Das Kinderparlament wird eine Strategie aushecken. Den bislang grössten Coup landet es mit dem 2019 eingereichten Postulat: «ÖV für Kinder und Jugendliche der Zone 10 muss günstiger werden.» Auf die Entgegennahme, Überprüfung und die Ablehnung des Vorstosses folgt vier Jahre später ein Kompromiss: Seit Sommer können 6- bis 16-Jährige einen Gutschein über 300 Franken für ein Jahresabo einlösen. Das Pilotprojekt dauert bis 2026.

Die Session im Verkehrshaus ist beendet. Draussen warten Blaubeermuffins, Brownies und Sirup. In wenigen Minuten ist der letzte Krümel und Tropfen weg. Und während sich die Erde in der «Energy»-Halle weiterdreht, sind die Kids verschwunden – allen voran die Co-Präsidierenden. Gleich beginnt der Film «Great Bear Rainforest».

Fotos

Im vergangenen Jahr ging der «Goldene Lollipop» (unten rechts) ans Verkehrshaus der Schweiz. Dort debattierte das Kinderparlament und kürte die neue Preisträgerin: Den «Goldenen Lollipop» 2023 erhält die Stiftung Rodtegg. Er wird an der März-Session 2024 überreicht.

Goldene Lollipop

 

Goldene Lollipop

 

Goldene Lollipop

 

Goldene Lollipop
Goldener Lollipop

 

Weitere Informationen

Sprungbrett
Das Kinderparlament als Sprungbrett ins Bundeshaus? David Roth (SP) ist es gelungen. 1998 lächelt er neben Hillary Clinton auf einem Gruppenbild, als die damalige First Lady der USA das Kinderparlament Luzern besucht. Im Oktober 2023 wird der Präsident der SP Kanton Luzern in den Nationalrat gewählt. Auch Yvonne Ruckli (Junge FDP) startet beim Kinderparlament, bevor sie Präsidentin der Jungfreisinnigen Stadt Luzern wird.

Jubiläumsparty im Treibhaus
An der 30-Jahr-Jubiläumsparty sind Yvonne Ruckli und David Roth präsent: In einer Videobotschaft erinnern sie sich an ihre Zeit im Kinderparlament. Zudem am Jubiläumsanlass am Mittwoch, 13. Dezember 2023, im Treibhaus: die Daens, eine Urner Crossover-Pop-Band. Dazu gibt es ein Buffet mit Minihamburgern, Minipizzen, Minimuffns. Alle 80 Kinderparlamentarierinnen und -parlamentarier dürfen eine Begleitung ans Jubiläum mitnehmen.

Für alle Interessierten
Das Kinderparlament steht allen Kindern zwischen 8 und 14 Jahren offen. Ab 14 gibt’s die Möglichkeit zum Wechsel ins Jugendparlament.

Weitere Informationen
www.kinderparlament.ch
www.jupalu.ch

 

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Stadtmagazin 4/2023