Vor 125 Jahren fand in Luzern das 37. Eidgenössische Schützenfest statt. Für den Grossanlass wurde auf dem Bahnhofplatz eine Kulissenburg aufgestellt. Diese Festhütte bot Platz für 4500 tafelnde Gäste und war ursprünglich für gerade einmal zwei Wochen erstellt worden. Nach dem Fest konnte sie dank vielseitigen Zwischennutzungen weiterbestehen und prägte das Luzerner Stadtbild bis 1931.
Schützenfeste für die vaterländische Einheit
Die 1824 begründete Tradition der Eidgenössischen Schützenfeste war seit jeher mehr als Sport: Sie diente der eidgenössischen Selbstvergewisserung wie die Sänger- und Turnfeste. Gleichzeitig war sie aber auch Bühne für die Kämpfe zwischen Liberalen und Konservativen. Letztere boykottierten die Feste anfänglich. Luzern, wo Liberale 1831 ihre Verfassung durchgesetzt hatten, richtete das Fest erstmals 1832 zum 500-jährigen Bundesbeitritt aus. Heute ist die Stadt mit sechs Austragungen Spitzenreiter vor Zürich (5) sowie Aarau, Bern und Chur (je 4).
Beim gesellschaftlichen Grossereignis stand das Feiern über den Röstigraben hinweg im Fokus. Der Wettkampf geriet fast zur Nebensache, was sich auch an der Architektur ablesen lässt. Für die Bewerbung zur Austragung von 1901 kämpfte die veranstaltende Schützengesellschaft Luzern mit der Standortsuche: Um die nötigen 400 Meter Breite des Schiessstands und die ideale Nord-Süd-Ausrichtung zu den Scheiben zu gewährleisten, trennte man das Schiessgelände von der Festhüttenburg. Diese kam an zentralster Lage am Bahnhofplatz zu stehen – dort, wo sich im einstigen Riedland die Liegenschaft «Fröschenburg» befunden hatte. Für den Bau des Schiessstands wurde gerade noch rechtzeitig der Alpenquai aufgeschüttet, mit Aushubmaterial aus dem Bahneinschnitt für die 1896 neu konzipierte Bahnanlage. Luzern wuchs für das Schützenfest buchstäblich über sich hinaus.
Luzerner Architekten für den «Kulissenbau»
Hans Siegwart war der Gewinner des Wettbewerbs unter den Luzerner Architekten für die Festhütte. Seine Holzkonstruktion glänzte durch eine technische Innovation: Die Fassade wurde mit 15 Millimeter dicken Zementplatten verkleidet, in die ein Drahtgeflecht eingegossen war. Um dieselbe Zeit entwickelte er seine international erfolgreichen «Siegwartbalken» aus armiertem Beton, die hier jedoch noch nicht zum Einsatz kamen. Mit Carl Griot konnte auch für den deutlich bescheideneren Schiessstand ein namhafter Architekt gewonnen werden.
Ein Tell zur Eröffnung
Romantisierender Historismus bildete nicht nur die Grundlage für den monumentalen Burgenbau, sondern auch für die Festivitäten: Wilhelm Tell prangte überlebensgross über dem Haupteingang der Festhütte und führte auch noch gleich persönlich den grossen Festumzug zur Eröffnung an. Es folgte eine Schiffsrundfahrt zum Rütli, bevor dann endlich die Konkurrenzschiessen mit Gewehr und Revolver starten konnten. Beim Schiessen blieben die Männer fast ausschliesslich unter sich. Die teilnehmenden Frauen werden in keinen Ranglisten erwähnt, schossen also ausser Konkurrenz. Vom 30. Juni bis am 11. Juli 1901 besuchten schätzungsweise 309 000 Gäste das Fest – fast zehnmal mehr, als die Stadt Luzern Einwohnende hatte. Die Schützen feuerten insgesamt mehr als 1,8 Millionen Schuss ab.
Vielfältige Nachnutzung
Im Gegensatz zum rückgebauten Schiessstand, wurde die potemkinsche Scheinburg noch Jahrzehnte lang anderweitig genutzt. Auf Schützen folgten Pazifisten: 1902 eröffnete in der Festhütte das erste Internationale Kriegs- und Friedensmuseum. Die Ausstellung wollte als Mahnung zum Frieden die destruktiven Folgen der Nutzung moderner Waffen aufzeigen. 1910 zog das Museum in einen Neubau an die Museggstrasse (heute Schulhaus Fluhmatt als Teil der Kantonsschule Musegg). Anschliessend wurden die monumentalen Hallen für andere grossflächige Zwecke genutzt wie eine Rollschuhbahn und ein Stereorama (eine Art Panorama mit Alpenmodell). Daneben fanden im umgebauten Teil der ehemaligen Festhütte Verkaufsmessen und verschiedene Grossveranstaltungen wie die Schweizerische Elektrizitätsausstellung oder die Kantonale Gewerbeausstellung statt. Ab 1914 beherbergte das Gebäude mit dem Brockenhaus auch eine soziale Institution. Die Festhütte wurde im Herbst 1931 abgerissen, um Platz für das neue Kunst- und Kongresshaus zu schaffen. Die folgende Bildergalerie lässt die Geschichte dieses temporären Bauwerks und seine verschiedenen Nutzungen lebendig werden.
Quellen- und Literaturhinweise
- E. A. Wüthrich, Offizielles Fest-Album vom Eidgenössischen Schützenfest in Luzern, 1901 (im Lesesaal des Stadtarchivs einsehbar; Signatur: F1.t 1)
- Festhütte und Festareal des eidg. Schützenfestes in Luzern 1901Externer Link wird in einem neuen Fenster geöffnet., in: Schweizerische Bauzeitung 37/38 (1901), 10. August 1901, S. 57–61.
- Kurt Messmer im Blog des Schweizerischen Nationalmuseums: Studenten, Sänger, Schützen, TurnerExterner Link wird in einem neuen Fenster geöffnet. (2018) und Zeitgeist um 1900: Ein Rundgang durch LuzernExterner Link wird in einem neuen Fenster geöffnet. (2024).
- Jürg Schmutz: Schützenfeste, Schlachtfeiern und Denkmäler als Instrumente zur Schaffung und Wahrung der vaterländischen EinheitExterner Link wird in einem neuen Fenster geöffnet., in: Der Geschichtsfreund 175 (2022), S. 49–69.