Von Urs Dossenbach
Am 1. April 2026 hat der Schweizer Ableger des internationalen Pharmakonzerns MSD seinen neuen Hauptsitz an der Bürgenstrasse 8 bezogen. 750 Angestellte arbeiten hier. Bereits im Februar wurde nebenan der fünfstöckige, 180 Meter lange Neubau «Perron» von der Hochschule Luzern in Betrieb genommen. Am Campus Bahnhof Luzern, zu dem auch das Gebäude an der Zentralstrasse 9 gehört, gehen rund 3000 Studierende, 6500 Weiterbildungsteilnehmende sowie 400 Mitarbeitende ein und aus.
Stadthotel und neue Wohnungen
Ähnliche Entwicklungen finden entlang der Tribschenstrasse statt: Rund 50 Meter nach der Langensandbrücke befindet sich auf der linken Seite eine Grossbaustelle. Auf dem Areal der HGC Handel AG entsteht das Hotel 6000 mit 150 Zimmern, die ab Sommer 2027 per Self-Check-in gebucht werden können. Ein paar hundert Meter entfernt erweitert die CSS-Gruppe ihren Hauptsitz rund um das 1933 entstandene Gewerbegebäude des Luzerner Architekten Carl Moosdorf. Auf der anderen Strassenseite, dort, wo bis Ende 2020 der Manor Solomarkt war, ist die Wohnüberbauung Tribschen Lou fast fertig. Die 147 Wohnungen können im August 2026 bezogen werden. Im Erdgeschoss wird eine Coop-Filiale eröffnet. Auch an der Ecke Tribschenstrasse/Weinberglistrasse sind die 89 Wohnungen der Überbauung Tribschen 2 im September 2026 bezugsbereit. Hier soll eine Aldi-Filiale einziehen. Coop, Migros und Aldi in unmittelbarer Nachbarschaft. Auch die Entwicklung im Detailhandel zeigt, wie rasant sich das Tribschenquartier am linken Seeufer verändert.
Vom Sumpf zum vielfältigen Quartier
Die Liste der aktuellen Veränderungen könnte beliebig weitergeführt werden – zum Beispiel mit den Entwicklungen an der Industriestrasse und auf dem ewl-Areal. Ursprünglich prägten Weidland, Sumpf, einige landwirtschaftliche Gebäude sowie herrschaftliche Landsitze das Gebiet am linken Seeufer. Pläne, es nach 1900 als Fortsetzung des Hirschmattquartiers mit einer schachbrettähnlichen Wohnbebauung zu entwickeln, scheiterten aus wirtschaftlichen Gründen und weil im sumpfigen Boden aufwendige Fundamentierungen nötig gewesen wären. Stattdessen entstanden Industriebauten, Lagerplätze und der städtische Werkhof. Industriebetriebe wie die Schurter Holding AG oder die Seekag und Unternehmen wie die CSS-Versicherung und Emmi oder das Depot der Verkehrsbetriebe Luzern haben sich hier angesiedelt. Und es gab genügend Platz für Bildungs-, Freizeit-, Sozial-, Kultur- und Sporteinrichtungen wie die Kantonsschule Alpenquai, das Eiszentrum, die Felder des SC Obergeissenstein und des FC Kickers, das Jugendkulturhaus Treibhaus oder die Ufschötti.
Hohe Lebensqualität
Die erste grosse Wohnüberbauung war die Tribschenstadt mit ihren rund 600 Wohnungen, die in Etappen ab 2004 zwischen der Tribschen- und der Bürgenstrasse realisiert wurde. Das linke Seeuferwurde über die Jahre immer städtischer, dichter, lebendiger. «Dank den vielen verschiedenen Nutzungen im selben Raum ist das linke Seeufer ein abwechslungsreicher Stadtraum», sagt Livia Schälli, Leiterin des Ressorts Gebietsentwicklung und öffentlicher Raum der Stadt Luzern. Wohnen, Arbeiten, Bildung Freizeit, Kultur und Sport am selben Ort ermöglichen eine hohe Lebensqualität. Diese Qualitäten gilt es zu erhalten, was nicht immer ganz einfach ist. Ein negatives Beispiel ist das Kulturzentrum Boa, das im Dezember 2007 wegen Lärmklagen von Anwohnenden aus der Nachbarschaft nach 19 Jahren Betrieb geschlossen werden musste. Positives Beispiel ist die Wohnüberbauung bei der ehemaligen Butterzentrale der Emmi AG in unmittelbarer Nähe zum Theater Pavillon und zum Jugendkulturhaus Treibhaus. Hier konnten sich Emmi, die Kulturbetriebe und die Stadt 2011 auf ein gewisses Mass an «Betriebslärm» einigen: Die Duldungspflicht ist im Grundbuch eingetragen. Das linke Seeufer bietet auch für die Wirtschaft einen spannenden Mix. «Das Quartier ist geprägt von einer Vielfalt an Gewerbebetrieben und Dienstleistungsunternehmen», sagt Regina Müller, Projektleiterin Wirtschaft bei der Stadt Luzern. Sie profitieren von der Nähe zum Bahnhof und zum See, von der guten Anbindung an den öffentlichen Verkehr und von der Gastronomie, die wächst und vielfältiger wird. Die unterschiedlichen wirtschaftlichen Nutzungen tragen wesentlich zur Anziehungskraft des Stadtraums bei. Entsprechend wichtig ist einverständnisvoller Umgang der verschiedenen Akteurinnen und Akteure mit den unterschiedlichen Bedürfnissen, um diesen einzigartigen Charakter zu bewahren.
Aufenthalts- und Lebensqualität stärken
Das linke Seeufer ist ein vielseitig genutzter Stadtraum. Mit den Massnahmen und Projekten des Entwicklungskonzepts sorgt die Stadt Luzern dafür, dass das Gebiet als lebenswerter Ort erhalten bleibt und noch attraktiver wird.
«Das linke Seeufer vom Inseli bis zur Aufschütte wirkt heute wie eine Schmuddelecke von Luzern. Das landschaftlich schön gelegene Gelände hat den Charakter eines Hinterzimmers unserer Stadt.» Diese Sätze waren 2008 in einer von der FDP-Fraktion eingereichten Motion zu lesen. Seither ist vielpassiert. Das Image der Schmuddelecke oder des Hinterzimmers hat das linke Seeufer längst verloren. Es präsentiert sich heute als aufstrebendes und dynamisches Stadtgebiet. Es vereint Wohnen, Arbeiten und Naherholung und zählt zu den beliebtesten Stadträumen Luzerns.
Gesamtschau
Die Motion der FDP-Fraktion, weitere politische Vorstösse und vor allem die Initiative «Lebendiges Inseli statt Blechlawine» haben den Anstoss gegeben, die Entwicklung des linken Seeufers gesamtheitlich und koordiniert anzugehen. Die 2017 von den Stimmberechtigten angenommene Initiative forderte, dass der Carparkplatz am Inseli aufgehoben und die Grünanlage erweitert wird. Der Stadtrat entschied sich, für die Umsetzung das gesamte Seeufer anzuschauen. 2019 und 2020 wurde eine Testplanung durchgeführt. In einem zweiten Schritt wurden die Ergebnisse der Testplanung in ein Entwicklungskonzept überführt, das im Juni 2021 vom Grossen Stadtrat zur Kenntnis genommen wurde.
Orientierung und Verbindung
Das linke Seeufer von Luzern ist geprägt durchvielfältige Nutzungen. Für die Bevölkerung sind das Inseli und die Ufschötti wichtige Naherholungsgebiete. Verschiedene Unternehmen und Vereine sind traditionell im Gebiet verankert. Grosse Infrastrukturanlagenwie der Motorboothafen oder temporäre Veranstaltungen wie die Lozärner Määs prägen das Gebiet. Das linke Seeufer hat durch seine räumlich vielfältige Struktur bereits eine sehr hohe Qualität. Zwischen den einzelnen Räumen fehlt aber häufig die Verbindung und Orientierung, und der Bezug zum See geht vielfach verloren. Hier setzt das Entwicklungskonzept linkes Seeufer an. Ziel ist, die Qualitäten und somit die Lebens- und Aufenthaltsqualität am linken Seeufer weiter zu entwickeln. Für den Stadtrat ist die Entwicklung des linken Seeufers auch im Hinblick auf die Realisierung des Durchgangsbahnhofs Luzern wichtig. Es wird von einer rund zwölfjährigen Bauzeit ausgegangen. Diese wird den Raum rund um den Bahnhof und die Innenstadt stark belasten. Ziel des Stadtrates ist es deshalb, Projekte des Entwicklungskonzepts möglichst rasch umzusetzen, um das linke Seeuferschon vor und während der Bauzeit des Durchgangsbahnhofs als attraktiven Wohn- und Arbeitsort- und Rückzugsort zu stärken.
Ein neuer Begegnungsort
Ein Projekt des Entwicklungskonzepts ist die Realisierung eines Platzes beim südlichen Abgang des Werftsteges Richtung Ufschötti. Im September 2022 wurde hier ein temporärer Pop-up-Park eröffnet. Wo vorher Boote parkiert waren, stehen ein Tischtennistisch, eine Rutsche, Sitzgelegenheiten, Schaukeln und andere Gestaltungselemente, die die Bevölkerung dazu animieren, sich eine Auszeit zu nehmen. Zurzeit wird ein Teil des Platzes zu einem Pickleball-Feld umgestaltet, um diese Sportnutzung im Hinblick auf die definitive Gestaltung des Platzes zu testen. Langfristig soll der Platz zu einem zentralen attraktiven Begegnungsort werden. Dazu ist vorgesehen, den Werftsteg mit einem neuen Auf- und Abgang zu gestalten, um die Orientierung zu verbessern und zusammen mit einer direkten Beleuchtung und allenfalls mit einer künstlerischen Intervention das Sicherheitsempfinden auf dem Steg zu verbessern. Auf dem Platz sind neben Sportfeldern zusätzliche Sitzgelegenheiten und weitere Baumpflanzungen geplant. Der Stadtrat will noch dieses Jahr beim Parlament einen Sonderkredit für einen Wettbewerb und die Projektierung beantragen. Die Realisierung ist für 2031 vorgesehen.
Aufwertung des Alpenquais
Ein weiteres zentrales Projekt ist die Aufwertung des Alpenquais zu einer sicheren Fuss- und Veloverbindung. Ziel ist es, den Autoverkehr zu reduzieren, neue Freiräume zu schaffen und dem wertvollen Baumbestand mehr Raum zu geben. Dazu wurde ein Betriebs- und Gestaltungskonzept erarbeitet, das den gesamten Abschnitt von der Kreuzung Werftestrasse/Landenbergstrasse bis zur Kantonsschule Alpenquai umfasst. Die Strassenbereiche sollen wo möglich entsiegelt und die Grünräume vergrössert werden. Dadurch verbessern sich auch die Standortbedingungen für die Bäume deutlich. Um dies zu erreichen, werden 98 der heute 134 öffentlichen Parkplätze abgebaut. 36 Parkplätze bleiben bestehen und dienen unter anderem der Erreichbarkeit der Wassersportvereine. Auch die 100 Parkplätze auf dem Kiesplatz können weiterhin genutzt werden. Der Baustart ist ab 2030 vorgesehen.
Mehr Biodiversität und Ökologie
Die Aufwertung des Apothekergärtli bei der Ufschötti ist ebenfalls eine Massnahme des Entwicklungskonzepts linkes Seeufer. In einer Machbarkeitsstudie wurde aufgezeigt, wie auf dem Dach des Bootshauses ein attraktiver Aufenthaltsort realisiert werden kann. Vorgesehen ist, die beiden Zugänge übersichtlicher und mindestens ein Zugang hindernisfrei zu gestalten sowie einen dritten Zugang zu realisieren. Mit Kletterpflanzenbegrünte Pavillon- und Pergolakonstruktionen sollen in den heissen Sommermonaten Schatten spenden, da auf dem Dach aufgrund statischer Anforderungen keine Bäume gepflanzt werden können. Die Grünflächen werden mit einer standortgerechten und klimaangepassten Bepflanzung ökologisch aufgewertet. Kleinstrukturen wie Asthaufen, Steinhaufen und Sandlinsen sollen zusätzliche Lebensräume für Insekten, Vögel, Kleinsäuger und Reptilienschaffen. Neben Aufenthaltsbereichen und einem niederschwelligen, mobilen Gastronomieangebot beispielsweise in Form eines Glacé-, Getränke- oder Essensstands soll auch ein Kinderspielplatz realisiert werden. Dies war im Rahmen der Mitwirkung ein zentrales Anliegen, da es auf der Ufschötti bislang kein solches Angebot gibt. Zurzeit rechnet die Stadt mit einem Baustart im November 2027. Im Sommer 2028 soll das neue Apothekergärtli eröffnet werden.
Weitere Informationen
Neugestaltung Inseli
Der Studienauftrag für die Neugestaltung des Inseli wurde 2025 abgeschlossen. Zurzeit wird das erstplatzierte Projekt «Inseli bewegt» des Planungsbüros Zwikr Studio GmbH aus Baselweiter bearbeitet. Die Neugestaltung des Inseli ist ab 2029, die Eröffnung im Frühling 2031 vorgesehen.
NeugestaltungTribschenstrasse
Die Tribschenstrasse ist eine der wichtigsten Verbindungsachsen der Stadt Luzern. Sie ist mit ihren zahlreichen Gewerbenutzungen, Läden und Einrichtungen aber auch ein lebendiger Wohn und Arbeitsort. Es fehlt jedoch an attraktiven Aufenthaltsräumen und einer komfortablen sowie sicheren Infrastruktur für den Fuss- und den Veloverkehr. Unter der Beteiligung der Quartierbevölkerung hat die Stadt Luzern ein Betriebs- und Gestaltungskonzept erarbeitet. Zurzeit wird ein Vorprojekt zur künftigen Verkehrsführung, zur Oberflächengestaltung und zur Sanierung der Werkleitungen erarbeitet. Gebaut wird frühestens ab 2029.
Ein Paradies für Vögel und Fische
Zu einem lebendigen Quartier gehören auch Tiere und Pflanzen. Die neu gestalteten Brutinseln bei der Kantonsschule Alpenquai bieten Wasservögeln dank Schilfgürteln, Kiesflächen und Flachwasserzonen Nist- und Rückzugsflächen.
Zurzeit können die Schilfbrüter wie Hauben- und Zwergtaucher, Wasserralle, Bläss- und Teichhuhn besonders gut beim Nestbau auf den Brutinseln beim Alpenquai beobachtet werden. Die Stock- und Kolbenenten fühlen sich ebenfalls wohl, und auch ein Schwanenpaar hat hier sein Nestgebaut. Ab Mitte Mai wird der Teichrohrsänger nachseiner Rückkehr aus dem Winterquartier im südlichen Afrika seine kunstvolle Behausung zwischen den Schilfhalmen weben. Entstanden sind die Brutinseln Anfang der 1980er-Jahre auf Initiative aus der Fachschaft der Kantonsschule. 1982 wurde sie mit Ausbruchmaterial hauptsächlich aus dem Gebiet Buobenmatt aufgeschüttet.
Verbuschung und invasive Neophyten
Über die Jahre sind die Inseln immer mehrzugewachsen. Weiden, Pappeln und Erlen, aber auch invasive Neophyten wie der Japanische Staudenknöterich haben sich ausgebreitet, die offenen Kiesflächen bewachsen und das Schilf an den Rand gedrängt. Trotz grossem Pflegeaufwand unteranderem durch die Lernenden der Kantonsschule konnte diese Entwicklung nicht gestoppt werden. «Wir gehen davon aus, dass der Hauptgrund dafür ist, dass damals zu viel Material aufgeschüttet wurde», sagt Anna Glanzmann, Projektleiterin Natur- und Landschaftsschutz bei der Stadt Luzern. Schilf entwickelt sich am besten auf der Höhe oderetwas unterhalb des durchschnittlichen Seewasserpegels. Grosse Teile der Inseln befanden sich bis zu einem halben Meter über diesem Niveau.
Sanierung und Vergrösserung
Die Stadt hat die Inseln deshalb von Dezember2024 bis Frühling 2025 für rund 300’000 Frankensaniert und aufgewertet. Fast 1000 Kubikmeter Material wurden abtransportiert oder umgelagert. Dabei konnten auch die Neophyten entfernt und die Verbuschung beseitigt werden. Auf einer Fläche von rund 2000 Quadratmetern kann sich das Schilf in den nächsten Jahren ausbreiten. Das entspricht einer Versechsfachung des früheren Bestands. An verschiedenen Stellen wurden Zäune erstellt. Siesollen Blässhühner, Schwäne und Graugänse daran hindern, die jungen Schilfpflanzen zu fressen. Die Kiesinsel wurde mit zusätzlichen Schüttungen stark vergrössert. Bereiche mit feinem und grobem Kies wechseln sich ab. Dazwischen gibt es Schlickflächen, die attraktiv für überwinternde oderrastende Wasservögel sind. In der Flachwasserzone wurden Holzstrukturen platziert, in denen Jungfische Lebensräume und Versteckmöglichkeiten finden. Eine mobile Brücke erleichtert die Unterhaltsarbeiten auf der Insel. Im ersten Jahr mussten allerdings kaum solche Arbeiten durchgeführt werden. «Die Vegetation auf den Inseln entwickelt sich bisher wie gewünscht», sagt Anna Glanzmann.
Verschiedene Interessen
Doch auch der ökologischen Aufwertung sind Grenzen gesetzt. Das Entwicklungskonzept linkes Seeufer sieht vor, weitere Flächen aufzuwerten, zum Beispiel das südliche Ufer der Ufschötti beim Steg, der zur Kantonsschule Alpenquai führt. Ziel ist es, die Uferverbauungen mit den Blockwürfen zu entfernen und den Übergang vom Land zum See als naturnahes Flachufer mit Kiesvorschüttungen und Schilfpflanzungen aufzuwerten. Anders als bei den Brutinseln, die sich in der Naturschutzzone befinden, wird dieses Ufer allerdings nicht nur von Wasservögeln beansprucht. «Wir müssen Rücksicht auf den Badebetrieb und die Wassersportvereine nehmen», sagt Anna Glanzmann. Die Badenden möchten keine Liegeflächen verlieren. Die Ruderinnen und Kanufahrer wollen die Zugänge zu den Steganlagenbehalten und genügend Wasserfläche für das Kreuzen der Boote haben. Zurzeit wird eine Studie erarbeitet, die aufzeigen soll, welche Aufwertungen unter diesen Voraussetzungen möglich sind. Gemäss Anna Glanzmann ist mit einer Umsetzung ab 2028 zu rechnen.
«Eine gute und passende Ehrung»
Judith Stamm und Walter von Moos sind seit Mitte April 2026 im Stadtbild verewigt. Die beiden Persönlichkeiten geben einem Platz und einer Promenade im aufstrebenden Quartier ihren Namen.
Von Dagmar Christen
Vom Gewerbeschulhaus Bahnhof führt der Frohburgsteg über die Gleise in die Rösslimatt. Beim Abstieg ins Quartier sind zwischen den Neubauten in der Ferne Bergspitzen zu sehen. Unterhalb des Stegs, zwischen Hotel Radisson und Neubau der Hochschule Luzern öffnet sich der Judith-Stamm-Platz. Entlang der Hochschule erstreckt sich die Walter-von-Moos-Promenade. Die Stadt ehrt hier zwei Persönlichkeiten für ihre Pioniertaten. Und das nicht zum ersten Mal: Beide wurden mit der Ehrennadel der Stadt Luzern ausgezeichnet: Judith Stamm 2002 als Vorkämpferin und Leitfigur der Frauenpolitik. Walter von Moos 1992 als Unternehmer und für sein Engagement bei der Realisierung des KKL Luzern.
Mutige, parteiübergreifende Zusammenarbeit
An der Einweihungsfeier würdigte die alt Nationalrätin der Grünen, Cécile Bühlmann, das Schaffen von Judith Stamm als mutige und «grosse Figur der Schweizer Politik». Ihr sei die überparteiliche, frauenzentrierte Zusammenarbeit wichtig gewesen. So habe sie 1974 in Luzern die «Arbeitsgruppe Politik» gegründet, in welcher Frauen aller Parteicouleur mit der Politik vertraut gemacht wurden. Siekandidierte 1986 wild für den Bundesrat, als die CVP (heute Die Mitte) für ihre frei werdenden Sitze im Bundesrat zwei Männer aufstellte. Was für die einen eine Anmassung war, war für viele Frauen ein «wichtiges Symbol für den berechtigten Anspruch auf eine weitere Frauenvertretung im Bundesrat», führte Cécile Bühlmann aus. An der Feier erwiesen Judith Stamm weitere grosse Frauen der Schweizer Politik die Ehre, unter ihnen die Zürcherin Gret Haller (SP)oder die Bernerin Ursula Haller (BDP davor SVP).
154 Jahre altes Familienunternehmen
Walter von Moos gelte es als Industriellen, als Patron und Kulturförderer in Erinnerung zu behalten, führte Laudator Jérôme Martinu, Direktor des KMU- und Gewerbeverbands Kanton Luzern, aus. Neben Bell und Schindler gehöre von Moos zu den Familien und Unternehmen, ohne die die Industriegeschichte des Kantons Luzern nicht verstanden werden könne. Was im 18. Jahrhundert mit Schmiedebetrieben und Eisenhandel begann, entwickelte sich zu den von Moos’schen Eisenwerken in der Emmenweid. Das Familienunternehmen umfasst ein der Blüte seiner 154-jährigen Geschichte über30 Tochtergesellschaften im In- und Ausland. «Eine gute und passende Ehrung» sei dieser Akt, resümierte Jérôme Martinu. Eine gute und passende Ehrung für Walter von Moos und Judith Stamm: Ihre Namen prägen ein aufstrebendes Quartier, in dem «gearbeitet, gelernt, geforscht, begegnet und gewirtschaftet wird». Diese Sichtbarkeit sorgt dafür, dass das Wirken von Judith Stamm und Walter von Moosim kollektiven Gedächtnis bleibt.
Judith Stamm: Pionierin und Wegbereiterin
Judith Stamm wurde in Schaffhausen geboren und war 1960 erste Kriminalbeamtin im Kanton Luzern, sie war Jugendanwältin, spätere Chefinder Kommandoabteilung. Nach der Einführung des Frauenstimmrechts im Kanton Luzern 1970 wurde sie als eine der ersten Frauen ins kantonale Parlament gewählt. Als Nationalrätin (1983–1999) setzte sie sich für die Gleichstellung von Frau und Mann ein. Ihre Motion zur Durchsetzung des Gleichstellungsartikels in der Bundesverfassungführte 1988 zur Gründung des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann.1996/97 präsidierte sieden Nationalrat. Stammengagierte sich für soziale Gerechtigkeit und brisante Themen wie die Fristenlösung.
Walter von Moos: Wirtschaftspionier
Der Stadtluzerner Wirtschaftspionier Walter von Moos war ein regional und international bekannte rund anerkannter Unternehmer. Walter von Moos baute als Direktor und Präsident des Verwaltungsrates der von Moos Stahl AG das Familienunternehmen in den 1970er-Jahren zu einemweltweit tätigen Unternehmen aus. 1996 wurde das Unternehmen in die Swiss Steel AG integriert. Neben seiner unternehmerischen Leistung engagierte sich Walter von Moos auch sehr für die Stadt Luzern: Ersetzte sich für soziale Institutionen, für Wohlfahrt, für Wohnbau und für die Öffentlichkeit ein. Walter von Moos war unter anderem Gründungspräsident der Stiftung Konzerthaus Luzern.