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10. January 2022
Vor der Pandemie lösten die Tourismusströme teils Unbehagen aus. Mit Corona hat sich der Tourismus grundlegend verändert. Stadträtin Franziska Bitzi Staub erklärt, in welche Richtung der Stadtrat den Tourismus in der Stadt Luzern weiterentwickeln will.

Stadträtin Franziska Bitzi Staub, fehlen Ihnen die Touristinnen und Touristen?
Ja, sie fehlen mir. Sie sind Teil eines belebten, multikulturellen Zentrums und gehören einfach zu unserer Stadt dazu. Ich wünsche mir sehr, dass sie bald zurückkommen.

Waren es vor Corona zu viele Gäste?
So würde ich das nicht sagen, sicher nicht in Bezug auf die Übernachtungsgäste. Das zeitlich und örtlich konzentrierte Auftreten bewirkte aber ein Unbehagen in einigen Teilen der Bevölkerung. Dies betraf insbesondere Orte mit vielen Tagesgästen, zum Beispiel am Schwanenplatz. Dies führte zu einer Grundsatzdiskussion in der Bevölkerung und auch in der Politik.

Aufgrund der Aufforderung des Parlaments hat der Stadtrat nun die Vision Tourismus Luzern 2030 erarbeitet. Was steht da drin?
Mit der neuen Vision (siehe Box) zeigt der Stadtrat auf, wie sich der Tourismus in der Stadt Luzern entwickeln soll. Wir wollen sowohl den Tourismusakteurinnen und -akteuren wie auch der Bevölkerung eine Richtschnur geben und darlegen, wo die Stadt Steuerungsmöglichkeiten hat und welche Ziele damit verfolgt werden.

Wollen Sie keinen Massentourismus mehr?
Dass Luzern eine beliebte Tourismusstadt ist und auch bleiben soll, ist unbestritten. Dies zeigten sowohl die Bevölkerungsbefragung wie auch der Einbezug der verschiedenen Anspruchsgruppen im Strategieprozess. Bei allen besteht zudem Einigkeit, dass die Tourismusströme besser organisiert werden sollen. Erst die grossen Menschenansammlungen an einzelnen Orten geben das Gefühl von Massentourismus. Dies wollen wir zukünftig bestmöglich vermeiden.

Die Wirtschaft braucht Wachstum. Ist das mit dieser Strategie noch möglich?
Ja. Die Vision ist aus Sicht des Stadtrates ambitioniert und vorwärtsgerichtet formuliert. Sie lässt Raum für Kreativität, Innovation und Weiterentwicklung und somit auch für Wachstum. Uns ist aber wichtig, dass die Entwicklung der Tourismusströme im Einklang mit dem Erhalt der Lebensqualität der Bevölkerung erfolgt.

Es ist aber auch manchmal zu hören, dass es in der Stadt viel schöner ist ohne Touristinnen und Touristen. Warum soll das wieder ändern?
Die Stadt Luzern ist äusserst attraktiv. Deshalb zieht sie Gäste aus dem In- und Ausland an. Gerade auch die Gäste tragen ihrerseits zur Angebotsvielfalt und Attraktivität der Stadt bei, denken wir an Musikfestivals oder die Schifffahrt. Zudem geht es um Arbeitsplätze und Wertschöpfung, die der Stadt zugutekommen. Vor der Coronapandemie generierte der Tourismus in der Stadt Luzern eine Wertschöpfung von 849 Mio. Franken und rund 7800 Arbeitsplätzen. Damit hängt rund jeder achte Arbeitsplatz der Stadt Luzern am Tourismus.

Aktuell kämpfen die Tourismusbetriebe teils um ihre Existenz. Kommt die Vision nicht zur Unzeit?
Die Coronapandemie hat die Tourismuswirtschaft in der Stadt Luzern hart getroffen und grundlegend verändert. Die Erholung der Wirtschaft steht auch für den Stadtrat an allererster Stelle. Es besteht gleichzeitig die Chance, die Entwicklung des Tourismus in der Stadt Luzern zu begleiten und frühere Probleme zu vermeiden. Wir sind überzeugt, dass es dazu mehr Steuerung braucht und die Stadt eine aktivere Rolle einnehmen muss.

Trägt die Tourismusbranche die Vision mit?
Die Vision Tourismus Luzern 2030 ist ein politisches Strategiepapier, das beschreibt, wie sich die Stadt weiterentwickeln soll. Die Akteurinnen und Akteure konnten sich einbringen und wurden bestmöglich berücksichtigt. Da sich die Bedürfnisse und Erwartungen teilweise stark unterschieden, konnten nicht alle Wünsche aufgenommen werden. Das liegt in der Natur der Sache. Nach der Partizipation folgt nun die politische Diskussion im Grossen Stadtrat. Wichtig ist, dass danach eine mehrheitsfähige Vision vorliegt, an der sich alle orientieren und auf die sich alle berufen können.

Wie wurden die verschiedenen Anspruchsgruppen einbezogen?
Die Vision ist auf Basis eines breit angelegten, zweijährigen Partizipationsprozesses entstanden; mit zahlreichen Aktivitäten wie einer repräsentativen Bevölkerungsbefragung, sogenannten Stakeholder-Workshops, dem Austausch mit dem Kinder- und Jugendparlament sowie weiteren Dialoggefässen. Dank der Erkenntnisse aus allen Partizipationsprozessen konnte der Stadtrat die Vision und das Umsetzungskonzept schliesslich festlegen.

Wurden auch die Bedenken der Bevölkerung genügend ernst genommen?
Alle Anspruchsgruppen wurden in der Erarbeitung der Vision sehr ernst genommen. Die von der Hochschule Luzern durchgeführte Bevölkerungsbefragung war eine äusserst wichtige Basis für die weiteren Arbeiten im Strategieprozess. Der Stadtrat ist überzeugt, dass mit der vorliegenden Vision Tourismus Luzern 2030 der Grundstein für eine breit abgestützte, nachhaltig erfolgreiche und vor allem gemeinsame Entwicklung gelegt ist. Gemeinsam und im Dialog – zum Wohle und zur Freude der Bevölkerung, der Anbietenden und der Gäste in der schönsten Tourismusstadt der Schweiz.

Interview: Simon Rimle, Leiter Kommunikation

Vision für den Tourismus in der Stadt Luzern im Jahr 2030

«Die Stadt Luzern gilt national wie international als schönste Tourismusstadt der Schweiz. Sie pflegt ihre traditionellen Werte und entwickelt sich und ihre Angebote auf nachhaltige, innovative und kreative Weise weiter. Im engen Dialog von Anbietenden, Bevölkerung und Behörden schafft sie neue, einzigartige Höhepunkte und lenkt die Gäste klug durch die Stadt.» (Vision Tourismus Luzern 2030)

Der Strategieprozess Tourismus begann mit einer vertieften Analyse. In der zweiten Phase startete der Partizipationsprozess: Es folgte die Erarbeitung der strategischen Stossrichtungen und die Formulierung der Vision. Basierend darauf wurde in der dritten Phase ein Umsetzungskonzept erarbeitet. Dieses zeigt auf, wie die Stadt im Rahmen ihrer Möglichkeiten Einfluss auf die Entwicklung des Tourismus nehmen kann.

Für die Umsetzung der Vision Tourismus Luzern 2030 wurden sieben Massnahmenpakete erarbeitet, die Bestehendes in der Stadt Luzern weiterentwickeln und teilweise neu ausrichten. Es handelt sich um Entwürfe, die im Rahmen der weiteren Umsetzung noch zusammen mit den zuständigen Stellen zu präzisieren sind:

1. Aufbau Tourismusmonitoring
Sammlung von Daten und Überprüfung der Ziele

2. Definition Tourismusmanagement
Überprüfung und Erneuerung von Vereinbarungen wie derjenigen mit Luzern Tourismus AG, Einführung der Regelung kommerzielle Kurzzeitvermietungen und Mitwirkung bei der Erarbeitung des kantonalen Tourismusleitbilds

3. Förderung innovativer, umweltfreundlicher Angebote und kultureller Veranstaltungen
Anknüpfung an bestehende Konzepte, z. B. Förderung Kreativwirtschaft, Eventkonzept usw.

4. Carmanagement
Entwicklung und Einführen eines Carregimes, verbunden mit dem Aufbau eines Interventionssystems (parallel laufender Strategieprozess in Arbeit)

5. Öffentlicher Raum und Nutzungsmanagement
Bereitstellung guter Orientierungssysteme sowie attraktive Gestaltung öffentlicher Raum

6. Aufbau Stadtmarketing
Stärkere Koordination privater und öffentlicher Angebote

7. Dialog und Sensibilisierung für Willkommenskultur und Umwelt
Verbesserung des andauernden Dialogs zwischen Wirtschaft, Bevölkerung und Tourismusakteurinnen und -akteuren; Förderung der Willkommenskultur und Berücksichtigung Nachhaltigkeitsanliegen

Der Stadtrat beantragt beim Grossen Stadtrat die Genehmigung der Vision Tourismus Luzern 2030 sowie einen Sonderkredit von 1,6 Mio. Franken für die nächsten zehn Jahre. Dieser wird insbesondere für die Schaffung einer 80-Prozent-Stelle Projektleiter/in Tourismus eingesetzt. Nur mit genügend Ressourcen kann die Stadt ihre Führungsrolle wahrnehmen und eine wirkungsvolle und nachhaltige Entwicklung des Tourismus und die Verwirklichung der Vision Tourismus Luzern 2030 wirkungsvoll fördern. Der Grosse Stadtrat wird den Bericht und Antrag voraussichtlich an seiner Sitzung vom 27. Januar 2022 beraten.

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Stadtmagazin 1/2022