Wer in Luzern leben möchte, muss auch in Luzern wohnen können. Was banal klingt, ist in der Praxis gar nicht so einfach. Behörden, Politik und Bevölkerung engagierten sich daher über die letzten 150 Jahre hinweg für genügend bezahlbaren und guten Wohnraum. Anlässlich der Schweizer Wohntage in Luzern (31. Oktober bis 15. November 2026) wurde im Auftrag der Dienstabteilung Stadtplanung die vorliegende Bildergalerie erstellt.
In den letzten Jahren konnte die Stadtluzerner Stimmbevölkerung mehrfach über Themen der Wohnraumpolitik abstimmen. Das Thema Wohnen bewegt die Stadt. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass dies jedoch kein ausschliesslich gegenwärtiges Phänomen ist. War einmal die ungenügende Qualität der Wohnungen ein Thema, waren es später fehlende Wohnungen, (zu) hohe Mieten, die Verdrängung von Wohnraum, der Umgang mit gemeindeeigenem Boden oder falsche Priorisierung der Nutzung. Wohnraumpolitik ist somit immer auch ein Spiegel der jeweiligen Zeit.
Stadtwachstum und prekäre Wohnsituationen
Luzern platzte ab Mitte des 19. Jahrhunderts aus allen Nähten. Wohnten 1850 noch rund 10'000 Personen in der Stadt, waren es 1900 bereits 30'000. Viele der Neuzugezogenen siedelten sich entlang der Ausfallstrassen (Baselstrasse, Obergrundstrasse, Zürichstrasse) an. Die Behörden versuchten der rasanten Bauentwicklung mit Bebauungsplänen zu begegnen. Mit diesen konnte die Stadt definieren, wie ein Quartier aussehen sollte. Die Quartiere Hof, Bruch und Hirschmatt erhielten so ihre grossstädtische Bebauung im Schachbrettmuster.
Das grosse Bevölkerungswachstum führte trotz reger Bautätigkeit zu einer Wohnungsknappheit. Der Zustand der Wohnungen war zudem oft schlecht, vor allem in den dichtbewohnten Quartieren der ärmeren Stadtbevölkerung wie dem Untergrund. Viele Wohnungen waren feucht. Mehrere Haushalte teilten sich Küche und Toiletten. Die Mieten waren für viele zu hoch. So bezogen Familien zu grosse und zu teure Wohnungen und vermieteten Zimmer oder auch nur ein Bett an Einzelpersonen, die in der Stadt arbeiteten (Untermiete und Schlafgängertum). Konnte sich eine Familie die Miete nicht mehr leisten, musste sie umziehen. Menschen, die am Monatsende mit ihrem ganzen Hab und Gut durch die Strassen zogen, gehörten zum Luzerner Stadtbild.
Staatliche Interventionen und Genossenschaftsboom
Viele Städte hatten mit diesen Problemen zu kämpfen und das Wohnen wurde zu einer der wichtigsten politischen Fragen der Zeit. Ab Ende des 19. Jahrhunderts gab es in Luzern eine Mietkommission, Wohnungsinspektionen und Mietpreiserhebungen. Mit Baureglementierungen versuchten Politik und Verwaltung die Wohnbaustandards zu heben. Gegen Ende des Ersten Weltkriegs spitzte sich die angespannte Situation auf dem Wohnungsmarkt weiter zu. In gemieteten Hotelzimmern oder eigenen Liegenschaften richtete die Stadt Notwohnungen für Obdachlose ein.
Die Sozialdemokratische Partei (SP) lancierte 1919 eine städtische Volksinitiative, die den Bau von gemeindeeigenen Wohnungen forderte. Die Stimmberechtigten (damals noch ausschliesslich Männer) lehnten die Initiative 1920 ab, stimmten aber dem Gegenvorschlag des Stadtrates zu. Dieser sah die Subventionierung des Wohnungsbaus vor. Diese finanzielle Unterstützung für private Bauträger und Wohnbaugenossenschaften führte zu einem wahren Bauboom in den 1920er-Jahren. Fast jede zweite der zwischen 1920 und 1936 in der Stadt Luzern gebaute Wohnung wurde von einer der vielen neugegründeten Genossenschaften erstellt. In den 1930er-Jahren entspannte sich die Lage auf dem Wohnungsmarkt.
Hochkonjunktur, Druck und Demonstrationen
Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte in der Schweiz eine Phase des wirtschaftlichen Wachstums ein, was sich auf den Lebensstil der Bevölkerung auswirkte. Das Auto erschloss abgelegenere Orte als Wohnraum. Die Zahl der Einpersonenhaushalte verdoppelte sich in Luzern zwischen 1960 und 1970 von 3’000 auf 6’000. Jugendliche und junge Erwachsene probierten neue Wohnformen wie Wohngemeinschaften aus. Die Zahl der an junge Erwachsene (18- bis 23-jährig) vermieteten Wohnungen stieg rasant (1976: 50 Wohnungen, 1981: 2’000 Wohnungen). Insgesamt stieg der Platzbedarf pro Kopf deutlich an. Obwohl in der Hochkonjunktur viel gebaut wurde, blieb die Wohnungsknappheit bestehen.
Die Stadt Luzern litt zudem unter ihrer Zentrumsfunktion. Neben Wohnen wurde der knappe städtische Boden auch für Arbeiten und Einkaufen beansprucht. Besonders eklatant war die Wohnungsnot zu Beginn 1980er-Jahre. Dies brachte Unmut auf allen Seiten. Der Hauseigentümerverband (HEV) machte mit der Mieterschaft die Gegenseite für die Misere verantwortlich, weil sie sich nicht an Kündigungstermine halte. Linke Parteien und Organisationen lancierten Initiativen und Petitionen. Es kam zu Demonstrationen und Hausbesetzungen.
Die Wohnsituation entspannte sich erst Mitte der 1990er-Jahre. Immer mehr Personen, vor allem junge Familien, zogen aus der Stadt in die Agglomeration und aufs Land. Durch diese Stadtflucht entspannte sich die Lage auf Wohnungsmarkt, sie trug aber auch zu einer sozialen Entmischung der Stadtbevölkerung bei.
Wohnen im neuen Millennium
Auf einem zentralgelegenen, städtischen Grundstück entstand in den 2000er-Jahren die Überbauung Tribschenstadt. Die Argumente für eine Überbauung in Zusammenarbeit mit Immobilien-Investmentfirmen waren noch von der Angst vor Abwanderung (SP) und vom Wunsch nach Schaffung von Wohnraum für Besserverdienende (FDP) geprägt. Als Gegenbeispiel stimmte die Luzerner Bevölkerung 2012 der Initiative «Ja zu einer lebendigen Industriestrasse» zu. Damit ermöglichte sie eine partizipative Arealentwicklung, für welche sich fünf Baugenossenschaften zusammenschlossen und im Baurecht bauten. Mit der Fusion von Luzern und Littau kam die Stadt auch zu erheblichen Landreserven, die für grosse Arealentwicklungen gebraucht wurden oder nun im Entstehen begriffen sind.
Ab dem Millenniumswechsel war es wieder angesagt in der Stadt zu wohnen. Gentrifizierungsprozesse setzten ein. Steigende Bodenpreise machten die Stadt für Immobilien-Investitionen attraktiv. Institutionelle Anleger wie Pensionskassen sind bereits seit Jahrzehnten auf dem städtischen Immobilienmarkt aktiv. In den 2010er-Jahren wurde Wohnraum jedoch zu einem begehrten Investitions- und Spekulationsobjekt. Das hat heute zur Folge, dass breite Bevölkerungsschichten Mühe haben, in der Stadt bezahlbaren Wohnraum zu finden. Die Stimmbevölkerung hat sich in den letzten Jahren wiederholt für eine aktive staatliche Wohnraumpolitik ausgesprochen. Das Thema dürfte auch in den nächsten Jahren nicht an Relevanz verlieren.
Quellen- und Literaturhinweise:
- Sandro Frefel, Otti Gmür, René Regenass: Genossenschaftlicher Wohnungsbau in der Stadt Luzern, Luzern im Wandel der Zeiten (LWZ, Bd. 11), Hrsg. Stadtarchiv Luzern, Luzern 2008.
- Beat Mugglin: Die Bodenpolitik der Stadt Luzern, Beiträge zur Luzerner Stadtgeschichte (Bd. 9), Hrsg. Stadtarchiv Luzern, Luzern 1993.
- Beatrice Schumacher: Kleine Geschichte der Stadt Luzern, Luzern im Wandel der Zeiten (LWZ, Bd. 16), Hrsg. Stadtarchiv Luzern, Baden 2015.
Diese Bildergalerie wurde von Joel Wehrle im Auftrag der Dienstabteilung Stadtplanung im Herbst 2026 erstellt.