Kopfzeile

Inhalt

Am 26. Oktober 1976 wurden der Sonnenbergtunnel und die sich darin befindliche Zivilschutzanlage feierlich eröffnet. 50 Jahre später wird der Strassentunnel noch rege genutzt, doch der Charakter der Zivilschutzanlage hat sich wesentlich verändert. In der Rückschau treffen im Berg der Umgang mit realen Gefahren, imposante Planung und gesellschaftliche Fragen aufeinander.

Die Weltkriege des 20. Jahrhunderts machten die verheerende Kraft moderner Konflikte sichtbar, die Zivilbevölkerung litt insbesondere unter Chemiewaffen und Kampfflugzeugen. In der Schweiz wurde ab 1934 der passive Luftschutz propagiert. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs schien zunächst eine Phase der Entspannung angebrochen zu sein. Stellvertreterkriege und regionale Konflikte machten jedoch deutlich, dass der Kalte Krieg keineswegs nur kalt verlief. Die Bestrebungen im Schutzraumbau wurden auch in Luzern forciert. Trotzdem hätte in den 1950er-Jahren nur ein Viertel der Stadtbevölkerung geschützt werden können.

Ab 1962 setzte in der Schweiz ein regelrechter Bunker-Bauboom ein, 1963 wurde das Zivilschutzgesetz eingeführt. Zur selben Zeit wurden in der Stadt Luzern die Weichen für eine grosse Zivilschutzanlage gestellt, ausgehend vom Bau des Autobahnteilstücks mit dem Tunnel durch den Sonnenberg. Der Grosse Stadtrat und die Stimmbevölkerung stimmten der Anlage 1969 zu, der Bau begann zwei Jahre später.

Zur Ansicht der Bilder: Bitte nach unten scrollen.

Bei der Fertigstellung 1976 war ein Schutzraum von beeindruckenden Dimensionen entstanden. In den beiden Röhren hätten hinter atombombensicheren Toren total 20’000 Menschen Schutz gefunden (bei einer Stadtbevölkerung von 70'000 Personen). Eine zusätzliche Kaverne mit Infrastruktur wie Kommandoposten und Notspital machte den Sonnenberg zu einer der umfassendsten Zivilschutzanlagen seiner Zeit.

Zwischen Planungsbeginn und Fertigstellung hatte sich in Teilen der Bevölkerung eine pazifistische Strömung entwickelt, die auch bestehende Machtstrukturen hinterfragte. Wohin sollten Geld und Energie fliessen – in den Bau von Schutzanlagen oder in die Friedensförderung? Die materielle Frage stellte sich um so mehr, als der Tunnelstab 1981 befand, der Sonnenbergtunnel sei als Grossschutzraum nicht funktionstüchtig. Mit zwei Übungen wurde 1987 die Anlage auf ihre Einsatzfähigkeit geprüft: Bei «Lazarus» standen die Abläufe im Notspital im Mittelpunkt, während die Übung «Ameise» die Infrastruktur im gesperrten Tunnel testete. Im Krisenszenario sollte sich zeigen, ob sich im Ernstfall tatsächlich 20’000 Personen unterbringen liessen. Die Übung legte jedoch erhebliche Mängel offen: Lüftung, Notstromversorgung und Torschliessung funktionierten nicht wie vorgesehen. Psychologische Aspekte konnten in dieser Simulation nicht untersucht werden. Als Konsequenz der Übung wurden die Schutzplätze auf 17'000 reduziert.

Zur Ansicht der Bilder: Bitte nach unten scrollen.

Mit dem Ende des Kalten Krieges gerieten Zivilschutzanlagen und ‑ausgaben zunehmend in die Kritik. Auch der Schweizer Zivilschutz selbst musste seine Rolle neu definieren; er entwickelte sich zu einem Instrument des Katastrophen‑ und Notlagenmanagements. 2005 wurde die Anlage im Sonnenberg ein weiteres Mal redimensioniert, diesmal drastisch auf 2000 Personen. Für den Zivilschutz kam sie nie zum Einsatz, einzig für die kurzzeitige Inhaftierung Demonstrierender wurde sie verwendet.

Was bleibt also von der Zivilschutzanlage? Vor allem ihr Wert als bedeutendes Zeitzeugnis. Bereits zum 30‑jährigen Jubiläum konzipierten Historikerinnen und Historiker eine Ausstellung. FührungenExterner Link wird in einem neuen Fenster geöffnet. durch den Sonnenberg sind bis heute möglich. Gleichzeitig begleitet uns die Anlage wie ein stiller Resonanzraum: Sie verdeutlicht, was Gesellschaften als Gefahr definieren. Durch die aktuelle geopolitische Situation kehren frühere Debatten zurück. Wenn der Bund heute vorschlägt, Schutzräume als Archive zu nutzen, zeigt ein Blick in diese Archive, wie ambivalent die Geschichte solcher Schutzräume ist – zwischen Sicherheitsversprechen und pragmatischer Umnutzung.

 

Literatur- und Filmhinweise:

Im Lesesaal des Stadtarchivs steht die Video- und Audio-Archivdatenbank FARO von SRF für die interessierte Öffentlichkeit zur Verfügung, in der nach weiteren Beiträgen zur Zivilschutzanlage Sonnenberg recherchiert werden kann.

 

Bereits ab Mitte der 1930er-Jahre wurde in der Schweiz in den Bau von Luftschutzräumen investiert, danach verstärkt während des Zweiten Weltkriegs. Die Ausstellung präsentierte diverse Stände, etwa zur medizinischen Versorgung, sowie Schutzraummodelle (1:10), einen Muster-Estrich (1:1), aber auch Waffen wie Geschütze und Bomben. 1971 begannen die Bauarbeiten an diesem beeindruckenden Infrastrukturprojekt. Im Bild bringt ein Arbeiter Spritzbeton auf die Tunnelwand auf. Die Grossbaustelle des Sonnenbergtunnels erforderte eine umfangreiche Baustellen-Infrastruktur vor Ort. Im Hintergrund das Krienser Quartier Unterer Dattenberg. Die sechstägigen Festlichkeiten zur Eröffnung erfreuten sowohl die Bevölkerung als auch Bundesrat Kurt Furgler, Vorsteher des Justiz- und Polizeidepartements. Die Anlage umfasste u. a. ein Notspital mit OP, ein Radiostudio, eine Grossküche, einen Seelsorgeraum, aber auch Arrestzellen. Die Autobahn verläuft auf der Höhe des untersten Stocks des Notspitals. Was am Presserundgang zur Eröffnung der Anlage noch modern war, präsentiert sich im Rückblick mit dem etwas zweifelhaften Charme der 1970er-Jahre. Die Anlage im Sonnenberg entstand in Zeiten wachsenden Pazifismus: In Luzern führten die späten 1960er Jahre zur Frage, ob Mittel in Schutzbauten oder in Friedensbemühungen fliessen sollten. Das «Weissbuch des Tunnelstabes zuhanden des Ortschefs und des Gemeinde-Führungsstabes» widmete sich 1981 der Lagebeurteilung. Die Funktionstüchtigkeit der Anlage wurde schon damals verneint. Entweder-oder: Stockbetten und Autoverkehr waren allerdings nicht gleichzeitig zu haben, auch wenn dies das Titelblatt einer Broschüre zum Sonnenbergtunnel von 1985 nahezulegen scheint. Die Übung machte deutlich, dass die Anlage nicht wie vorgesehen funktionierte. Ein Drittel der Stadtbevölkerung hätte darin Platz finden sollen. Die Kapazität wurde nach 1987 schrittweise reduziert. In den 1990er Jahren wandelte sich der Zivilschutz grundlegend. Auf dem Magazincover: Kulturgüterschützer beim Inventarisieren der Brückenbilder (2. v. l.: KGS-Chef Hansjörg Bühler). Nach der Schliessung des alternativen Kulturzentrums BOA kam es am 1.12.2007 zum Protest. Von den rund 800 Demonstrierenden wurden 245 kurzzeitig in der Sonnenberg-Kaverne inhaftiert. Diese Eintrittskarte erinnert daran, dass die Anlage heute vor allem als historisches Zeugnis bestehen bleibt – ein Denkmal für frühere Sicherheitsvorstellungen und spätere Umnutzungen. Im Innern des Sonnenbergtunnels erinnert ein 2011 angebrachter Schriftzug an die Anlage. Er hält fest, dass einst 20’000 Personen im Berg hätten Schutz finden sollen.