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2. Februar 2026
Iris Polin und Yvonne Portmann wurden im November 2025 vom Stadtrat ausgezeichnet. Dies, weil sie das Bruchquartier seit 14 Jahren verzaubern. Dort, wo zu Stosszeiten kaum ein Durchkommen ist, sorgen sie im Advent für vorweihnächtliche Stimmung.

Von Helen Iten

Wenn vor Weihnachten Flyer dazu einladen, die Strassen des Bruchquartieres zu besuchen, wenn der Samichlaus an die Feuerschale am Klostergärtli bittet und ein E-Tuk-Tuk die Interessierten zu den Ständen der Kunstschaffenden aus der ganzen Stadt bringt, dann geht das auf sie zurück: die Fachfrau Upcycling Iris Polin und die Grafikerin Yvonne Portmann.

Iris Polin ist es am wohlsten, wenn Dinge schön sind, wenn sie aufgeräumt sind und sich ein Raum gut anfühlt. Yvonne Portmann erholt sich, «wenn ich schöne Sachen sehe», sagt sie. «Eine Ausstellung, eine Stadt, eine schöne Farbkombination.»

Dass hinter dieser weihnächtlichen Quartierlandschaft visuelle Menschen stecken, ist klar ersichtlich. Was man nur erahnt, ist die «andere» Arbeit, die administrative Knochenarbeit, die ebenfalls dahintersteckt.

Spätabends und an Sonntagnachmittagen

Es braucht Bewilligungen (wir haben ein kantonales Ladenöffnungsgesetz) und Pläne (hier steht die Feuerschale, hier die Kinder, und von da kommt der Samichlaus). Es braucht Unterstützungsanträge an Private und Stiftungen (dazu braucht es eine Dokumentation und dafür Bilder). Die Flyer müssen zu den Teilnehmenden und von dort zu allen möglichen Menschen gelangen (nachdem sie zuerst gestaltet, abgesegnet, gedruckt und geliefert worden sind). Und überhaupt: Ist genügend Feuerholz da, Samichlaus? Es ist Arbeit, die spätabends am Küchentisch, zwischen Kundenbesuchen im Laden und an sonnigen Sonntagnachmittagen still und heimlich erledigt wird. Doch die beiden Frauen jammern nicht. «Iris, wir haben Anfragen von weiteren Geschäften, die mitmachen wollen», sagt Yvonne Portmann mit Begeisterung. «Ich muss dir das nachher gleich weiterleiten!»

Einfach mal machen

Zu Beginn von alledem, vor über 14 Jahren, stand Iris’ Feststellung: «Wir haben hier im Bruchquartier so viel zu bieten, und trotzdem wirkt es verschlafen, und von der vorweihnächtlichen Stimmung merkt man kaum etwas.» Versuche, mit drei, vier anderen Ladenbetreibenden eine Adventsstimmung zu kreieren, schlugen irgendwie fehl. Man fand keinen gemeinsamen Nenner. Alle waren sie auch mit ihren eigenen Läden und dem allgemeinen Weihnachtsbetrieb gefordert.

So organisierten Iris Polin, Colette Casis, Beatrice Näf und Magalie Marini 2011 ein Treffen im «Drei Könige»: Alle luden sie ein – Geschäftstreibende, Organisationen und Vereine des Bruchquartiers. Nach eingehender Diskussion einigte man sich auf den Namen Bruchweihnachten. Aus den drei, vier Läden der ersten Versuche wurden 24 Teilnehmende. Heute ist es das Doppelte.

Den ersten Flyer gestaltete Yvonne Portmann mit einer Eule. Gemäss den Kelten führt sie durch die Dunkelheit. Den Römern nach ist sie weise und wissend. Die Griechen sehen in ihr Schutz und Segen. Für die Bruchweihnachten war sie das alles und ein Startschuss. «So bin ich als Grafikerin in dieses Amt reingerutscht», sagt Yvonne Portmann, «und geblieben.»

Bruchweihnachten wird gross

«Schon bald kam der Gedanke, etwas für die Kinder anzubieten», sagt Iris Polin. Damit entstanden die Schlittengeschichten. Und ein Samichlaus durfte auch nicht fehlen.

Die teilnehmenden Läden boten auch die Ware anderer feil – erst in einer Ecke des eigenen Ladens, dann auf einem separaten Tisch. Auch das wurde eng, und so kamen Stände ins Spiel und dann weitere Räume – wie jener der Stiftung Contenti, dann der des Jobdachs. Es folgten Konzerte und eine Modeschau.

«Die Schauspielerin der Schlittengeschichten, der Samichlaus – immer mehr Leute brachten ein Engagement, das entlöhnt werden musste», sagt Yvonne Portmann. «Auch wir arbeiteten jahrelang gratis, bevor wir uns ein kleines Honorar auszahlten. Wir merkten, dass die Organisation so viel Zeit in Anspruch nahm, dass sie in unserem eigenen Geschäft fehlte», sagt sie. «Wir konnten dem Quartier nicht einfach so viel Zeit schenken, das hätte längerfristig zu Unmut geführt.»

Die beiden Frauen treffen sich das ganze Jahr über wöchentlich, um für die Bruchweihnachten à jour zu bleiben. Was klein begonnen hatte, zählte immer mehr Teilnehmende, Attraktionen und Aktivitäten – und erforderte ein Fundraising, Spendenaktionen, einen Mehraufwand.

Vor Corona die Pause

Nach neun Jahren kam sodann der Entschluss: «Wir sagten der kleinen Bruchgemeinschaft, dass wir aussteigen, weil wir uns den immer grösser werdenden Aufwand nicht mehr leisten konnten», erzählt Yvonne Portmann. Per sofort standen Rahel Röllin und Gil Siegrist von Bio Vivo zur Verfügung. «Sie brachten tolle Neuerungen, wie unter anderem das E-Tuk-Tuk, und einen neuen Flyer.» Nach zwei Jahren fanden allerdings auch diese beiden: Wir geben das wieder ab. Doch diesmal sprang niemand in die Bresche. «Yvonne und ich fanden es schade, das Projekt einfach sterben zu lassen», sagt Iris Polin. «Also haben wir es wieder übernommen.»

«Unser Engagement wird im Quartier sehr geschätzt», sagt Yvonne Portmann. «Es hat mir geholfen, bekannt zu werden mit meinem Laden. Ich profitiere davon, die Menschen hier kennenzulernen.

Es bringt uns alle zusammen.» Iris Polin ergänzt: «Wir haben eine geniale Helfergruppe, die sich um so vieles kümmert. Wir führen das Ganze zu zweit, was es unkompliziert macht, aber die Helfergruppe ist gross – ohne die ginge es niemals.»

Wunsch für die Zukunft

Nach Weihnachten ist vor der Fasnacht: In den Schaufenstern der Stadt Luzern wird bereits Konfetti gestreut. Nach Bruchweihnachten aber ist vor Bruchweihnachten. Iris Polin und Yvonne Portmann halten neben dem Konfettisack schon wieder das Lametta in der Hand. «Wir schauen zurück», sagt Iris Polin, «um zu sehen, was wir wieder gleich machen wollen, aber auch nach vorne, um zu sehen, was wir anders machen wollen.» Und haben die beiden Frauen eine Vision für Bruchweihnachten 2026? «Das haben wir tatsächlich», verrät Yvonne Portmann. «Eine Weihnachtsbeleuchtung für die Strasse wäre sehr schön!»

Yvonne und Iris
Yvonne Portmann (links) und Iris Polin, fotografiert im Dezember 2025 an der Bruchstrasse. Sie und «eine geniale Helfergruppe, die sich um so vieles kümmert», haben den Anerkennungspreis Quartierleben 2025 für die Organisation der Bruchweihnachten erhalten.

 

Anerkennung für die Bruchweihnachten

Der Anerkennungspreis Quartierleben der Stadt Luzern ist mit 5’000 Franken dotiert. Er ging 2025 an Iris Polin und Yvonne Portmann für die Organisation der Bruchweihnachten. Iris Polin, 62, führte bis vor zwei Jahren den Vintage-Laden Unikatum an der Bruchstrasse. Die Fachfrau Upcycling sagt: «Ich helfe gerne Menschen, ihren Wohnraum einzurichten, sodass sie wieder Freude daran haben.»

Yvonne Portmann, 59, ist Grafikerin. Sie liebt ihren abwechslungsreichen Beruf: «Die Menschen und Themen sind immer wieder neu. Ich will niemandem meinen Stil aufdrängen, sondern gemeinsam etwas gestalten.»

Preise für die Zweiten
Erstmals gab es auch Anerkennungspreise für die beiden zweitplatzierten Projekte und ein Preisgeld von je 2’500 Franken: Ausgezeichnet wurde der Quartiertreff B102. Der Verein fördert den Zusammenhalt im Bernstrassenquartier durch verschiedene Veranstaltungen wie Samstagmorgen-Cafés, Kinderkleider- und Spielwarenflohmärkte sowie Nachbarschaftstreffen. Ebenso einen Preis erhielt das Friedhofscafé «Unter der Linde». Das Café wird ehrenamtlich geführt. Es bietet einen Begegnungsort für Menschen in schwierigen persönlichen Situationen und fördert die Auseinandersetzung mit dem Thema Leben, Sterben und Tod.

Mehr Infos im Internet:
bruchweihnachten.chExterner Link wird in einem neuen Fenster geöffnet.
b102.chExterner Link wird in einem neuen Fenster geöffnet.
friedhofscafe.chExterner Link wird in einem neuen Fenster geöffnet.

 

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